The Pain and the Ghost

Klappentext

Ich kann deinen Schmerz sehen, Prinzessin. Du willst ihn hinter deiner Wut verstecken, aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Es funktioniert nicht.

Die Welt, in der du lebst, wird dich zerbrechen und nichts, was du tust, wird das verhindern. Aber das ist in Ordnung. Ich werde da sein und dich wieder zusammensetzen.

Wie die Prinzessin im Märchen wirst du nie frei sein. Diese Welt hat das für dich nicht vorgesehen. Also wirst du lernen müssen, in ihr zu leben. Mit mir.

Content Note: SVV Sie wissen nicht, was das ist? Dann ist diese CN nicht für Sie. Für weitere Erläuterungen bitte die vollständige Content Note am Beginn des Buches lesen.

Eigene Meinung

Manche Bücher unterhalten dich. Und manche Bücher reißen dich auf, weil sie Dinge verstehen, die eigentlich niemand sehen sollte.

The Pain and the Ghost von Sarah Baines ist genau so ein Buch. Und ich glaube, das Erste, worüber ich sprechen muss, ist Artemij.

Denn ja — dieser Mann ist dominant. Aber nicht auf die Weise, die Angst macht. Nicht dieses billige „Alpha-Männchen“-Getue, das man inzwischen viel zu oft liest. Artemij kontrolliert nicht, um klein zu machen. Er kontrolliert, um Darja an einen Punkt zu bringen, an dem sie sich selbst nicht länger ausweichen kann.
Er zwingt sie dazu, sich ihren eigenen Dämonen zu stellen.
Und genau das macht dieses Buch so unglaublich intensiv. Denn Artemij „rettet“ Darja nicht. Er setzt sie nicht zusammen wie ein kaputtes Spielzeug. Er zerbricht die Mauern, hinter denen sie sich versteckt, damit sie sich selbst neu zusammensetzen kann. Damit aus all den Fragmenten endlich die Frau werden kann, die sie eigentlich ist.

Denn unter all dem Schmerz, der Wut und der Selbstzerstörung schlummert eine andere Darja. Eine weichere. Ehrlichere. Eine Frau, die sich nach Nähe sehnt und gleichzeitig panische Angst davor hat.
Und Artemij sieht genau diese Frau. Er sieht nicht nur das Chaos. Nicht nur die Aggression oder die Zerstörung. Er sieht die Version von ihr, die existieren könnte, wenn sie endlich aufhören würde, permanent gegen sich selbst zu kämpfen. Gegen ihre Wünsche. Gegen ihre Sehnsüchte. Gegen ihr eigenes Leben.

Und nein — er will nicht, dass sie sich „arrangiert“. Er will, dass sie sich nimmt, was sie will. Dass sie die Welt, die er ihr anbietet, zu ihrer eigenen macht.

Aber Darja kann diesen Panzer nicht einfach ablegen. Wie auch?

Ihre Vergangenheit hat ihn Schicht für Schicht aufgebaut. Schmerz. Erfahrungen. Verletzungen. Verlust. Alles hat dafür gesorgt, dass sie sich hinter Masken versteckt, die längst zu einem Teil von ihr geworden sind. Und genau deshalb funktioniert dieses Buch so unglaublich gut.

Denn The Pain and the Ghost ist kein klassischer Dark-Romance-Roman. Es ist ein psychologisches Minenspiel, gewürzt mit Lust, BDSM, Dominanz und Schmerz. Aber der Schmerz dient hier nicht bloß der Erotik. Er wird zu etwas anderem. Zu Kontrolle. Zu Erdung. Zu einer Möglichkeit, überhaupt noch etwas zu fühlen, das greifbar ist.

Zwischen Lust und Verlangen, zwischen Dominanz und den Grenzen, die Artemij ihr setzt, beginnt Darja langsam, ihre eigenen Grenzen zu sprengen. Und vielleicht klingt das jetzt seltsam — aber ich glaube wirklich, dass das Buch etwas zeigt, das erschreckend nah an einer Form von Therapie liegt. Denn Sarah Baines schafft etwas, das ich in Büchern fast nie erlebe: Sie schreibt eine Borderlinerin, ohne jemals das Wort Borderline zu benutzen.

Nicht ein einziges Mal.

Und trotzdem schreit diese Diagnose aus jeder einzelnen Seite.

Ich lebe selbst seit über zwanzig Jahren mit Borderline. Ich habe mich intensiv mit dieser Erkrankung beschäftigt, aus Betroffenensicht darüber geschrieben und kenne diese Krankheit verdammt gut. Und genau deshalb kann ich mit voller Überzeugung sagen: Sarah hat den Kern verstanden.

Nicht jede Borderline-Erkrankung sieht gleich aus. Jeder Mensch erlebt sie anders. Aber der Kern? Dieses permanente Zerrissensein? Dieses Gefühl, gleichzeitig zu viel und nie genug zu sein? Dieses verzweifelte Bedürfnis nach Nähe, gepaart mit der panischen Angst davor? Sarah trifft es erschreckend präzise.
Darja trägt all das in sich: Das Schwarz-Weiß-Denken. Die Selbstzerstörung. Den Druck unter der Haut. Das Bedürfnis nach Halt. Die Angst vor Kontrollverlust. Dieses permanente Schwanken zwischen „Bleib bei mir“ und „Fass mich nicht an“.

Und verdammt — ich kenne das.

Vor allem ihre Angst vor Zärtlichkeit hat mich getroffen. Weil Zärtlichkeit für viele Menschen etwas Schönes ist. Etwas Sicheres. Aber wenn Nähe in deinem Leben immer Schmerz bedeutet hat, dann wird selbst Sanftheit bedrohlich.

Zärtlichkeit war nie ein guter Bote. Nie Sicherheit. Nie Frieden. Und Sarah versteht genau das.

Der Schmerz in Darja sitzt so tief, dass man ihn zwischen den Zeilen fast körperlich spüren kann. Und ich glaube, Artemij kann ihn nur deshalb verstehen, weil er selbst Schmerz erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Er ist daran hart geworden. Darja hingegen wurde davon auseinandergerissen.

Zu Beginn des Buches wirkt sie wie ein falsch zusammengesetztes Puzzle. Wie ein Mensch, dessen wahres Ich irgendwo unter all den Schutzmechanismen begraben liegt.

Und diese Masken, die sie trägt? Sie schützen sie nicht wirklich. Sie schneiden ihr die Haut auf, weil sie nie richtig gepasst haben. Auch das kenne ich nur zu gut. Man gewöhnt sich an diese Masken. Selbst dann, wenn sie weh tun. Weil der Schmerz vertraut ist. Und alles andere Angst macht. 

Aber Artemij reißt diese Masken herunter. Und das vielleicht Schönste an diesem gesamten Buch ist: Er blickt voller Liebe auf das Wesen darunter. Auf dieses Chaos aus Fragmenten, Schmerz und Sehnsucht. Nicht trotz der Zerrissenheit. Sondern mit ihr. Und genau deshalb hat mich dieses Buch so tief getroffen.

Fakten

Titel: The Pain and the Ghost
Autor: Sarah Baines
Preis: Ebook 5,99 € / Taschenbuch 16,00 €
Hier erhältlich: https://www.amazon.de/dp/B0GZDVKRQ3