Sweet damned Valentine: The Valentines Hunt
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Ich bin auf der Flucht. Mal wieder. Wohin? Das weiß ich nicht und es interessiert mich reichlich wenig. Hauptsache weg. Weg von meinem alten Leben, meinen verdammten Verpflichtungen und all den Aufgaben. Und vor allem weg von ihm. Und über ihn will ich im Moment gar nicht nachdenken. Trotzdem … er schleicht sich immer wieder in meine Gedanken.
Drei verdammte Jahre hab ich an ihn verschenkt. An das Leben, welches wir uns aufgebaut haben. Und an all seine Lügen, seine Manipulationen.
Ich will das alles hinter mir lassen, neu anfangen.
Mal wieder.
Immer wieder laufe ich weg. Aber ich bin eine Künstlerin im Schönreden: Ich ziehe um, fange neu an, orientiere mich beruflich um. Und damit werde ich alle Sorgen und Probleme, schlechte Menschen und beschissene Jobs los. Ein Neuanfang. Alles auf Reset und Neustart.
Und das ist die einzig wirkliche Konstante in meinem Leben. Vielleicht wirke ich dadurch kalt und unnahbar, denn menschliche Beziehungen breche ich dann ab. Ich bin immer auf dem Sprung.
Es hat allerdings etwas Gutes, immer zu reisen und einen neuen Ort zu suchen: Ich habe schon viel vom Land gesehen. New York, Chicago, Miami, Naples … wo andere Urlaub machen, lebe ich für ein paar Jahre und dann packe ich meine Sachen und ziehe weiter.
Mein bisheriger Favorit ist Naples! Eine wunderschöne Stadt in Florida, direkt am Golf von Mexiko. Wenig Tourismus, dafür Meer und Palmen, ein ewig langer Pier, der ins Meer führt. Nur die Hurricane Season ist nicht so prickelnd. Auch wenn Naples großartig ist, dahin zurückfahren, ist keine Option. Zuviel verbrannte Erde.
Während ich Meile um Meile auf dem Highway Fünfundneunzig hinter mich bringe, springen meine Gedanken hin und her.
Ist es nicht so, wenn man ständig umzieht, ständig alle Zelte abbricht und irgendwo neu anfängt, dass man dann einen Teil von sich zurücklässt? Ich habe das Gefühl, dass ich ständig ein wenig von mir zurücklasse. Irgendwann falle ich auseinander, Stück für Stück, wie eine alte kaputte Statue. Einfach puff und weg. Ein Haufen Staub ist dann das Einzige, was von mir übrigbleibt.
Ich bin Anfang dreißig und ich weiß nicht, wer ich bin und was ich will. Ich habe geglaubt, dass ich Jared liebe. Mein Job war super, unsere Wohnung auch. Und dann ist alles den Bach runter gegangen.
Ich sammle anscheinend toxische Beziehungen wie andere Leute Briefmarken. Mein Vater hat mal zu mir gesagt, dass ich meine Männer auf der Müllhalde sammle. Er hatte Recht.
Psychologie ist nicht meine Stärke, aber das hat bestimmt was mit abwesendem Vater oder Missbrauch in der Kindheit zu tun. Alles möglich bei mir. Aber die Erinnerungen an meine Kindheit sind zu bruchstückhaft, eher einzelne Bildaufnahmen, mit Blitzlicht, überbelichtet. Jared hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Ein richtiges Arschloch. Dennoch tut es weh, so richtig scheiße weh. Ich bin wieder auf den gleichen Typ Mann hereingefallen.
Ich bin belogen, betrogen und verarscht worden – und ich habe mich deswegen entwurzelt.
Mit der Hand schlage ich auf das Lenkrad ein und bereue es sofort wieder, weil ein stechender Schmerz mein Handgelenk hochzieht. Ganz super, Cassidy! Du bist nicht nur die Königin der miesen Gedanken, du kannst dich auch super selbst verletzen. Neuer Skill freigeschaltet, ding ding ding.
Tränen sammeln sich in meinen Augen – keine Tränen aus Trauer, sondern die Bitteren aus Wut. Wut auf meinen ach so großartigen Ex, auf meine beste Freundin, die es jetzt nicht mehr ist, weil sie eine blöde Schlampe ist. Und ich nehme mir vor, keinem Menschen mehr zu vertrauen. Klappt auch so gut, denn den Vorsatz werfe ich ziemlich schnell wieder über Bord, weil ich ein naives, kleines Ding bin, dass immer wieder an das Gute glaubt.
Das Gute im Menschen gibt es nicht.
Ein wiederkehrendes Muster und die Stimme meines Vaters meldet sich in meinem Kopf zu Wort: »Du kannst nur dir selbst vertrauen.« Jaja, alter Mann, am Arsch. Allein sein fühlt sich falsch an, ich will nicht allein sein, dafür bin ich nicht geschaffen. Aber wenn ich nur mir vertrauen kann, läuft es wohl darauf hinaus. So sehr ich es auch hasse.
»Sei nicht so theatralisch Cassidy, überleg dir lieber, wo du hinwillst und vor allem, wo du die Nacht verbringen willst.«
Ab und an brauche ich eine kompetente Meinung, dann führe ich Selbstgespräche. Ich bin seit sechs Stunden unterwegs und ich will weder durchfahren noch unbedingt im Auto schlafen. So weit bin ich in meiner Planung allerdings nicht gekommen, denn ich habe heute Morgen nur eines gewollt: Weg aus New York. Für den Rest habe ich keine Kapazitäten in meinem Kopf gehabt. Habe ich jetzt immer noch nicht, aber ich komme um den Gedanken nicht herum.
Also machen wir mal eine Liste, liebe Cassidy!
Punkt Eins ist also, einen Platz für die Nacht zu finden. Dort kann ich überlegen, wie es weitergeht. Die USA sind groß und es gibt genug Ecken, in denen ich noch nicht war. Kalifornien soll grandios sein um diese Jahreszeit und die Gefahr, dort jemandem zu begegnen, den ich schon kenne, ist ausgeschlossen. Ich bin noch nie in Kalifornien gewesen.
Ich steure den nächsten Parkplatz für eine Pinkelpause an.
*
Ein paar Stunden und merkwürdige Gedanken später ist mir klar, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich bin hundemüde, unkonzentriert und habe keine weiteren Essensvorräte mehr im Auto. Lediglich einen muffigen Müsliriegel und kalten Kaffee. Neun Stunden von New York entfernt reichen. Ganz bestimmt. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Teil der USA ich gelandet bin, aber ich werde jetzt ein Hotel finden. Während ich den Blinker setze und die Ausfahrt nehme, denke ich darüber nach, dass Umzüge auch eine Konstante sein können.
Chicago ist einzigartig gewesen. Bis mein Ex der Meinung gewesen ist, mich einmal zu oft zu verprügeln. Owen ist groß und kräftig, allerdings hat er ein Problem mit Aggressionen. Er lässt seine Wut gerne an Frauen, vorzugsweise an seiner Partnerin aus. Ich bin in der Beziehung zweimal im Krankenhaus gelandet. Beim dritten Mal war es meine gebrochene Nase und die Feststellung, dass ich nicht in einer True Crime Doku landen will, die mich zum Gehen motiviert haben.
Danach kam New York. Und Jared.
Das Schild der Ausfahrt verspricht einen Ort namens »Briar Hollow« und ich zucke nur mit den Schultern. Mein Vater war beim Militär und wir sind von Militärbasis zu Militärbasis gewandert. Ich bin schnell das merkwürdige Kind geworden, weil ich Freundschaften gar nicht erst aufbaute. Bringt nichts, wenn man nach kurzer Zeit wieder umzieht. Ich habe mich lieber hinter Büchern verkrochen.
Unnahbar und still, das bin ich noch heute. Es macht mir nichts. »Lüge«, wispert die Stimme in meinem Kopf.
Ich folge dem Straßenverlauf, der den Konturen der Berge und der Landschaft folgt. Überall um mich herum sind plötzlich Bäume und eine seltsame Entspannung erreicht mich. Cool, meine überreizten Nerven sind dankbar dafür. Im Zwielicht des Abends liegt ein grüner Tunnel vor mir. Der Stress der vergangenen Wochen, ausgelöst durch meinen Ex, fällt langsam von mir ab und ich bekomme das Gefühl, wieder atmen zu können. Ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen, dass es anders war. Vielleicht ist das hier genau das, was ich gerade brauche.
»Hm, fehlt nur noch ein Zwerg oder ein Drache hinter einem der Bäume.« Mein Zynismus macht sich trotzdem bemerkbar. »Hallo, ich bin Cassidy. Irgendwo zwischen New York und dem Nirgendwo hier hat sich mein Gehirn verabschiedet. Aber das brauch ich eh nicht, macht doch nur Murks. Arrgs!«
Selbst in meinen Ohren klingt der beißende Spott mir selbst gegenüber sauer. Danke vielmals.
Erneut landet meine Hand schmerzhaft auf dem Lenkrad. Meine Gedanken laufen im Kreis und ich hasse mich dafür, denn selten führt das zu etwas Gutem: Zu den Top Ten meiner peinlichsten Momente und ich komme zu dem Schluss, dass die Welt ohne mich besser wäre.
Auch wenn ich nicht selbstmordgefährdet bin, dieser Gedanke und ich sind schon lange ein Paar. Meist versuch ich ihn mit Musik zu unterbrechen und so drücke ich den Knopf des Autoradios und hoffe auf ein zwei gute Stücke. Metal wäre jetzt nicht schlecht.
»Echt jetzt?« Meine Stimme überschlägt sich fast, als aus dem Radio Dolly Parton mit Jolene kommt. Ich mag keine Countrymusik, schlechte Erinnerungen, aber dieses Lied setzt in meiner aktuellen Verfassung dem Ganzen die Krone auf. Ich mache das Radio wieder aus und gebe mich dann doch lieber meinen Gedanken hin. Oder ich schaue mir die Bäume an. Grün in Grün. Lediglich von Straßenbegrenzungspfeilern unterbrochen. Oder haben die Dinger auch einen Namen? Leitpfosten? Eine Leitplanke gibt es zumindest nicht.
Aber so langsam frage ich mich, ob ich das Schild mit dem Ortsnamen nur geträumt habe. Oder halluziniert, wie Jared mir in den letzten Monaten immer wieder an den Kopf geworfen hat. Ich würde halluzinieren, ich bilde mir das alles nur ein. Ja klar.
Irgendwann habe ich es im geglaubt. Also, gibt es das Schild mit dem Ortsnamen oder nicht? Ich bin gerade unsicher.
»Briar Hollow 2 Meilen« erscheint dann ein neues Schild am Straßenrand. Ha! Der Ort, der so viel Ähnlichkeit mit meinem Nachnamen hat, existiert wirklich.
Als ich das Ortseingangsschild passiere, verpuffen meine Hoffnungen und Erwartungen in der untergehenden Sonne. Die Gebäude, die mich begrüßen stammen definitiv aus einer anderen Zeit. Blockhaus an Blockhaus, allesamt gefühlt aus der Zeit der Boston Tea Party. Oder früher. Dennoch fahre ich weiter und habe die geringe Hoffnung, ein Hotel zu finden. Sonst heißt es Notfallplan und ich suche mir einen beleuchteten Parkplatz oder eine Polizeistation und schlafe im Auto.
Mit jedem Meter mehr, den ich zurücklege, bekomme ich das Gefühl, dass das Dorf – Kuhkaff trifft es besser – nur aus dieser einen Straße besteht, die auch noch völlig treffend Main Street heißt. Ein Dorf, mitten in den Bergen, Häuser älter als die Unabhängigkeitserklärung – ich habe mal wieder im Lotto gewonnen. Vermutlich treffe ich eher auf einen Serienmörder, denn auf ein Hotel. Wobei, meine Stimmung passt dazu. Freudig begrüße ich den Serienmörder und laufe grinsend in sein Messer, oder so. Meine Laune ist während des Tages immer mehr in den Keller gesunken und nähert sich dem Erdmittelpunkt an.
Auf meiner Fahrt entdecke ich die Sehenswürdigkeiten dieses Kuhkaffs: ein Buchladen, ein Hardware Shop, ein Supermarkt und ein kleines Café. Kein Hotel. Ich fahre an einem modernen Gebäude vorbei, zumindest modern im Gegensatz zu den anderen. Immerhin ist es aus Stein gebaut, hat einen kleinen hübschen Platz davor und ein Schild, das darauf hinweist, dass es sich um das Rathaus handelt. Inklusive Polizeistation. Nur vereinzelt brennen Lichter hinter Fenstern. Zumindest gibt mir das die Sicherheit, dass dieses Dorf nicht gänzlich ausgestorben ist. Nach dem Rathaus wird die Anzahl der Häuser weniger und ich befürchte, dass ich bald das Ende des Dorfes erreicht habe. Ich ärgere mich mittlerweile darüber, dass ich mein Telefon ausgeschaltet habe. Eigentlich nur, damit Jared mich nicht erreichen und ich meine Ruhe haben kann. Das verhindert aber auch, dass ich im Internet nach einem Hotel recherchieren kann. Und dass ich ein Navi benutzen kann.
Hinter den letzten Häusern beschreibt die Straße eine lange Kurve und, mit den Gedanken immer noch bei den Pestbeulen meiner Vergangenheit, entdecke ich ein mehrstöckiges Holzhaus mit der Aufschrift »Hotel«. Die Farbe von dem Schild blättert ab, nur hinter den Fenstern im Erdgeschoss brennt Licht, aber dieses kleine Wort gibt mir Hoffnung. Ich muss doch nicht vor dem Rathaus und der Polizeistation im Auto schlafen. Juchu.
Meine Hoffnung wächst wie ein kleines Feuer in mir und ich parke neben einem alten Dodge RAM ein. Rot. Der Dodge RAM ist rot. Und verbeult. Ein Eimer Farbe würde dem Hotel guttun. Oder abfackeln und neu bauen.
Ich habe schon wesentlich schlechter geschlafen. Das steht außer Frage und dennoch, in meinem Kopf spukt immer noch der Serienmörder herum. Falls mein Leben beschließt zu einem Thriller zu werden, ist dieser Abend vermutlich ein guter Anfang.
Ich schnappe mir meine Handtasche, fische im Aussteigen nach meinem Telefon und drücke auf den kleinen Knopf am Gehäuse, um es zum Leben zu erwecken. Ich will wissen, was mein Abgang aus New York angerichtet hat. Während es hochfährt, schlage ich die Autotür hinter mir zu.
Das Erste, was mir auffällt: Die Luft ist unglaublich sauber. Keine Autoabgase. Das Zweite ist, dass es hier unglaublich ruhig ist. Ich höre nichts, außer das leichte Rauschen der Blätter und einige Tiere der Nacht. Ich atme tief durch und bemerke, dass sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen legt. Für einen Moment schließe ich meine Augen, spüre den Düften, die meine Nase aufschnappt in meinem Kopf nach und stelle fest, Kleinstadt wäre vielleicht doch was für mich. Jetzt nicht Briar Hollow, das ist ein Kuhkaff, aber vielleicht sollte ich mal nicht in eine Metropole ziehen. Ich kann plötzlich frei atmen, etwas, was ich in New York nicht konnte.
Dann schaue ich auf mein Handy und sehe … Nichts! Kein Empfang. Ich hatte auf Nachrichten von Jared gehofft, der mich anfleht, zu ihm zurückzukommen, der beteuert, wie leid ihm alles täte und dass er sich ändert. Spoiler: Das tun sie nie!
Stattdessen: Kein Empfang. Ist das noch erlaubt? Ich muss kurz hysterisch lachen. Damit bin ich sowas von am Arsch. Das hindert mich nämlich tatsächlich daran, zu planen wo es hingehen soll. Argwöhnisch sehe ich zum Hotel. Die Ruhe von vor wenigen Momenten ist weg und trotz der Schönheit des Waldes, warte ich nur darauf, dass Daniel Lee Corwin um die Ecke kommt. Eine Gänsehaut läuft meinen Rücken hinunter. Himmlisch.
Kurz schüttle ich meinen gesamten Körper, damit diese merkwürdigen Gedanken verschwinden, dann wende ich mich endgültig dem Hotel zu. Ich brauche ein Bett für die Nacht. Also schalte ich mein Telefon wieder aus, stopfe es in meine überfüllte Handtasche und laufe die wenigen Schritte zur Veranda und hoch zum Eingang.
Auch wenn eine Stimme in meinem Kopf mir erzählt, dass das Hotel bestimmt geschlossen ist, drücke ich die Tür problemlos auf und warmes, einladendes Licht erwartet mich dahinter. Nimm das, innere Stimme. Mal am Rande, meine inneren Stimmen und ich stehen sowieso im ständigen Zwiespalt, oder wir streiten uns. Egal, die meiste Zeit mögen wir uns einfach nicht, was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich mich nicht mag. Das habe ich schon vor Jahren gemerkt, doch hat diese Erkenntnis etwas in meinem Leben geändert? Nein, leider nicht. Manchmal bin ich es einfach satt. Ich bin es satt, dass ich nicht in den Spiegel blicken kann, ohne dass mir was auffällt, was ich scheiße finde, ich bin es so satt, dass ich mich entschuldige, wenn mir jemand auf den Fuß tritt.
Zurück zum Hotel: Trotz meiner Zweifel stehe ich jetzt in einer Lobby und bin von Jägerkitsch umgeben. Bilder, die Jagdmotive zeigen, ausgestopfte Tierköpfe an den Wänden. Die Möbel, die auf den zweiten Blick absolut gemütlich wirken, gehen fast unter. Es ist eigentlich ein großer Raum, mit offenem Kamin, mehreren Sofas und Sesseln, Esstischen an den Wänden und einem kleinen Empfangstresen. Die Platznutzung ist grandios, aber die Ausstattung – gruselig.
Zentrum des Raumes ist der große, aus Natursteinen gebaute Kamin und genau darüber hängt ein Hirschkopf mit riesigem Geweih.
Ich starre immer noch den Hirsch an, als hinter mir ein Räuspern meine Gedanken durchbricht. Ich drehe mich um und stehe vor einem Mann Maße Schrank, zumindest aus meiner Perspektive. Mein Blick geht nach oben und ich schaue in ein Paar brauner Augen, die mich mustern, als wäre ich der größte Störfaktor im Leben dieses Mannes. Verschränkte Arme stecken in einem grauen Shirt, auf dem linken Arm sieht man die Ausläufer eines Tattoos. Und Muskeln. Keine Bodybuilder Muskeln, sondern jene Muskeln, die durch harte, körperliche Arbeit entstehen. Meine Augen kehren zu den seinen zurück und sie sind immer noch kalt. Das Gesicht ist markant, ein leichter Schatten liegt auf den Wangen, als hätte er sich heute nicht rasiert, die Haare sind zu einem unordentlichen Man Bun gebunden. Ich muss vor mir selbst zugeben, er sieht verdammt gut aus und automatisch weiche ich ein paar Schritte zurück.
»Ja, ähm, hallo.« Ich fummle nervös an meiner Handtasche herum, eingeschüchtert von seiner Gestalt und seinem Blick, doch dann straffe ich meine Schultern.
»Sind Sie vom Hotel? Ich suche ein Zimmer für die Nacht.«
»Alle belegt.« Die Stimme ist tief, viel zu tief, um nicht irgendetwas in mir zum Beben zu bringen. Sie klingt dunkel, gefährlich und lässt Emotionen vermissen. Na super, ganz super. Ich werde hier in Grund und Boden gestarrt und die Stimme des Mannes vor mir verursacht mir eine Gänsehaut. Vielleicht doch Daniel Lee Corvin.
»Echt jetzt?« Meine eigene Stimme mutiert zu einem Krächzen. Verdammt, irgendetwas berührt der Mann in mir, von dem ich nicht will, dass es berührt wird.
»Ja, echt jetzt.« Er äfft mich nach, noch besser. Das kann ich so gut gebrauchen, wie ein Furunkel am Arsch. Ich stoße die Luft aus, die ich unmerklich angehalten habe und gehe gedanklich meine Optionen durch. Und jetzt? Die Frage des Abends. Für einen Moment gebe ich mich der Möglichkeit hin, dass ich zum Weiterfahren verdonnert bin und beinahe mache ich auf dem Absatz kehrt. Doch der kleine Funke Kampfgeist, den ich noch habe, wird von meiner Müdigkeit angefeuert und ich bleibe. Willenskraft ist bei mir so selten wie ein Einhorn in einer Wüste.
Also straffe ich meine Schultern und schaue dem Mann vor mir so fest wie ich kann ich die Augen, suche den letzten Rest meines Mutes zusammen und öffne meinen Mund.
»Hören Sie Mister, ich bin seit fast neun Stunden mit dem Auto unterwegs, ich brauche einen Schlafplatz. Und dabei ist es mir mittlerweile scheißegal, ob Bett, Scheune, Abstellkammer oder Schlafsack auf dem Fußboden.« Sein Blick bleibt weiter kalt und ich versuche ihn mit meinen müden Augen anzufunkeln. Keine Antwort. In meinem Kopf fängt eine meiner inneren Stimmen an zu singen: Serienmörder. Ist mir sowas von egal. Minuten vergehen, in denen wir uns einfach nur anstarren und irgendwann durchbreche ich das Blickduell wieder mit Worten.
»Ich habe ein paar echt beschissene Wochen hinter mir«, meine Stimme klingt auf einmal unglaublich müde, genauso müde wie ich mich fühle, alle aufgesetzte Lässigkeit, alle Kampfkraft ist verpufft. Verpufft durch seinen Blick und sein Schweigen. Und durch die Müdigkeit, die nicht nur in meinen Knochen zu finden ist. Alles in mir ist müde.
»Ich möchte einfach nur ein Bett, lässt sich da nicht irgendwas machen?« Wow, ich klang wirklich erbärmlich. Glückwunsch Cassidy, ein neuer Tiefpunkt in deinem Leben. Ich komme mir vor wie so ein ekliger Wurm. Ein Wurm an einem Angelhaken vielleicht. Der Mann vor mir hebt eine Augenbraue und dreht sich um. Wider Erwarten winkt er mir zu, ihm zu folgen. Und das mache ich, mit hängendem Kopf und hängenden Schultern.
An dem kleinen Empfangstresen schiebt er mir ein dickes Buch rüber.
»Tragen Sie Ihren Namen ein und unterschreiben Sie. Bar oder Karte?«
Diese Stimme gehört verboten, wieder hinterlässt sie eine Gänsehaut auf meinem Körper und ich weigere mich, aufzublicken. Aus Angst, dass ich dann noch etwas Dummes sage. Stattdessen bemerke ich, dass meine südlichsten Regionen ebenfalls auf die Stimme reagieren. Ganz großes Kino, Cassidy. Ich will ihn nicht attraktiv finden, weder seine Stimme noch sonst irgendwas an ihm. Ich greife nach dem Stift und trage meinen Namen ein.
»Mit Karte.« Und dann begehe ich den Fehler und sehe hoch, in sein Gesicht. Seine Augen sind plötzlich voller Wärme, das Licht zeigt die ersten grauen Strähnen in seinen dunklen Haaren und mit einem Mal liegt auch ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Und der verräterische Bereich zwischen meinen Beinen teilt mir eindrucksvoll mit, wie attraktiv ich ihn finde. Der will ihn nämlich am liebsten ins Bett zerren. Ich bin so kaputt.
Bevor ich noch weiter über meine bescheuerten Empfindungen nachdenken kann, wühle ich mein Portemonnaie aus der Handtasche.
»Fünfundsiebzig Dollar pro Nacht, Einzelzimmer inklusive Frühstück.« Er hält mir das Gerät vor die Nase und ich halte meine Karte dran. Das Gerät piept und vermeldet ›Karte gesperrt‹. Nein, es vermeldet nicht, es verhöhnt mich regelrecht. Und ich starre es mit offenem Mund an.
»Ich habe über fünftausend Dollar auf meinem ...« Und dann starre ich den Mann vor mir an. »Dieser Mistkerl!«, fluche ich laut los. Mein Ex hat entweder mein Konto leergeräumt oder meine Karte gesperrt, denn er ist der Einzige, der noch Zugriff auf mein Konto hat. Das ist mir in der Planung in den vergangenen Tagen durchgegangen. Mein Ex hat wohl gemerkt, dass er mein Ex ist. Die Wut auf ihn überspült mich, gepaart mit der Wut auf mich und ich spanne meinen Kiefer an, balle meine Hände zu Fäusten und könnten meine Augen Blitze abfeuern, sie hätten es in diesem Moment getan. Da ist er wieder, Jareds Kontrollwahn, der einer der Gründe ist, warum ich New York ohne ein Wort verlassen habe.
»Dann bar«, sage ich mit gepresster Stimme, um nicht zu schreien und lege einen hundert Dollar Schein auf den Tresen. Sämtlicher Hunger, der sich in den vergangenen Stunden gemeldet hat, ist wie weggeblasen.
Ich stecke gerade richtig in der Scheiße: ich habe noch knapp zweihundert Dollar in der Tasche, kein Netz, ergo auch keine Chance, das Problem mit meiner Bank zu klären und in mir brodelt eine Wut, die gefährlich nahe an der Explosion entlangschrammt.
Korrektur: Ich bin kaputt und so richtig am Arsch. Die Scheiße schlägt gerade Wellen über meinem Kopf.
Die ersten Tränen brennen hinter meinen Lidern und ich bekomme nur am Rande mit, wie der Mann mir einen Schlüssel reicht.
»Zimmer fünf, Treppe hoch und dann rechts.«
Ohne ein weiteres Wort schnappe ich mir den Schlüssel und nehme die Treppe in Angriff. Nachdem ich die ersten Stufen hinter mir habe, höre ich den Mann noch etwas sagen.
»Nach einer Nacht voller Schlaf sieht die Welt meist ganz anders aus.«
Ich sehe ihr nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Da habe ich mich doch tatsächlich überreden lassen, ihr ein Zimmer zu vermieten. Na gut, von überreden lassen kann hier keine Rede sein. Bereits als sie das Hotel betreten hat, habe ich gesehen, dass sie Probleme hat, große Probleme. Irgendetwas an ihrer Art schreit schon fast nach Hilfe.
Und obwohl ich außerhalb der Saison keine Zimmer vermiete, habe ich es getan. Mein Hotel steht nur wenige Wochen im Jahr dem Publikumsverkehr offen, den Rest des Jahres … bleibt es einer kleinen Gruppe von Familie und Freunde vorbehalten. Daran halte ich mich für gewöhnlich, seit ich dieses Hotel übernommen habe. Ohne Ausnahme.
Bis jetzt.
Während ich zum Hinterausgang des Hotels gehe, gerate ich ins Grübeln. Sie sieht aus wie ein gehetztes Reh, wie ein Mensch auf der Flucht. Ich habe genug Menschen gesehen, die es mit Flucht versucht haben. Am Ende sehen sie alle so aus. Danach sind sie meist tot. Zumindest die, die ich gesehen habe. Was hat Miss Cassidy Holloway also an sich, dass ich ihr ein Hotelzimmer vermiete? Oder liegt es nur daran, dass sie meinen Schwanz zum Zucken bringt?
Ich schaue zurück auf das Hotel, das ich gerade verlassen habe. Trotz Oversized Shirt hat ihr Arsch echt heiß ausgesehen.
Ich bin definitiv albern.
Ich drehe mich um und nehme den Weg zu Walter in Angriff. Wir sind für den Abend verabredet und h habe die Hoffnung, dass die kühle Nachtluft mich ein wenig runterbringt. Für einen Moment bleibe ich stehen, gestatte es mir durchzuatmen und höre in der Ferne eine Eule rufen.
Die gute Miss Holloway soll bloß zusehen, dass sie morgen wieder verschwindet. Das ist besser für sie und meinen Seelenfrieden.
*
Ein paar Stunden später geht mein Onkel mir wieder gehörig auf die Nerven. Ich liebe ihn, keine Frage, aber manchmal möchte ich ihn zu den restlichen Verwandten unter die Erde packen.
Trotzdem lache ich leise auf, als er mich, völlig unerwartet natürlich, bittet, ihm bei der jährlichen Inventur zu helfen. Wie jedes Jahr. Mit erhitztem Gesicht sitzt er mir gegenüber, schiebt die kleine Brille auf seiner Nase hoch und strahlt mich an.
»Ich schaff das doch nicht allein, Malcolm, du musst mir dabei helfen.«
Und wie jedes Jahr auf ein Neues, seit ich nach Briar Hollow zurückgekehrt bin, sage ich ihm meine Hilfe zu. Mit seinen fünfundsiebzig Jahren gehört Walter eigentlich in Rente, doch die kleine Gemeinschaft, die wir hier im Dorf sind, braucht ihn und seinen Buchladen. Und solange er keinen Nachfolger findet, wird er das Geschäft führen.
»Ja, ja, ich helfe dir, wie immer«, erwidere ich leise und lache auf, als Walter mir den nächsten Scotch einschenkt. Wir machen das regelmäßig: Walter, ich, eine Flasche Scotch und der neueste Tratsch aus Briar Hollow. Wir brauchen das, Beide, die Letzten der Familie Voss. Meine Gedanken kehren zum Hotel zurück, zu meinem Gast und bevor ich es mir anders überlegen kann, erzähle ich meinem Onkel davon.
»Ich habe übrigens einen Gast im Hotel.«
»Ach, wie kommt das denn?«
Ich zucke mit den Schultern, kenne ich auf diese Frage doch selbst nicht die Antwort. Stattdessen greife ich zu meinem Glas und schwenke die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin. Rauchiges Holz, das Wärme verspricht, ein Geschmack von Vanille und Pfeffer, das leichte Brennen in meinem Hals – ich nehme das im Moment dankbar an.
»So genau weiß ich das auch nicht. Es ist eine junge Frau, wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie rennt vor irgendetwas weg. Vermutlich ihrem Ex.«
»Du hast eine gute Menschenkenntnis Malcolm, die hat dich noch nie im Stich gelassen.« Eindringlich schaut mein Onkel mich an und grinst dann hinterhältig. »Wenn sie länger bleibt, könnte sie mir ja vielleicht bei der Inventur helfen. Den Buchladen aufzuräumen kann äußerst meditativ sein.« Ich blinzle ihn an und bei dem Gedanken an Miss Holloway regt sich mein Schwanz wieder. Elender Verräter. Ich rutsche etwas auf dem Stuhl hin und her und fixiere dann meinen Onkel.
»Ich denke nicht, dass sie länger bleibt«, und füge in Gedanken ein ›Was auch besser für mich wäre‹ hinzu. »Sie hat ein New Yorker Kennzeichen, keine Chance, dass sie Briar Hollow was abgewinnen kann.«
Mein Onkel lächelt wissend und ich rolle mit den Augen. Ich weiß genau, worauf er anspielt. Ich bin aus der Großstadt zurückgekehrt und habe mich wieder in Briar Hollow niedergelassen – und bisher habe ich es keinen Tag bereut. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Cassidy Holloway und mir: Ich bin hier aufgewachsen. Sie wirkt nicht so, als käme sie aus einem kleinen Dorf.
Ich denke gerade viel zu sehr über diese Frau nach, aber eines ist klar: Sie will ihre Vergangenheit hinter sich lassen, das kann man ihr ansehen. So wie ich es versucht habe. Mit geschlossenen Augen schüttle ich kurz meinen Kopf und versuche meine Konzentration wieder auf Walter zu lenken, der mich nur wissend ansieht. Manchmal ist er echt eine Last.
*
Nachdem wir die Abschussquote für Rotwild für die kommende Saison und die Auswirkungen auf den Tourismus durchgekaut haben, bin ich zurück ins Hotel und hoch in meine kleine Wohnung in der dritten Etage. In die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Mein Vater ist Walters Bruder, und er war ein cholerischer, machtbesessener Mensch, der alle um sich herum terrorisiert hat. Meine Mutter hatte ihm nichts entgegenzusetzen und kaum war ich achtzehn, bin ich verschwunden. Ab in die nächste Großstadt.
Mit meinen Gedanken irgendwo zwischen meiner Familie und meinem Gast gehe ich ins Bett, mir absolut sicher, dass Cassidy Holloway noch für Ärger sorgen wird. Und ich gebe zu, dieser Gedanke gefällt mir vielleicht ein wenig zu gut.
Nach einer Nacht voll schlechtem Schlaf sieht die Welt wirklich anders aus. Da hat er Recht. In meinem Fall: Beschissener.
Eine kurze Bestandsaufnahme ergibt knapp zweihundert Dollar in meinem Portemonnaie, einen fast leeren Tank in meinem Toyota und eine EC-Karte, die nicht funktioniert, aus welchen Gründen auch immer. Meine Tagesaufgabe ist also klar: Herausfinden, was da los ist. Dafür brauche ich ein funktionierendes Telefon oder noch besser, einen WLAN-Zugang. Der Knoten in meinem Magen legt noch ein bisschen an Größe zu und ich spüre ganz deutlich, wie die Anspannung durch meine Glieder kriecht. Ich bin extrem wütend. Ein bisschen Wut kann ich zwar gut als Motivator brauchen, aber das, was da durch mich kriecht, ist zu viel und macht mich fast handlungsunfähig.
Das Bett, auf dem ich gerade sitze, ist urgemütlich. Der Ausblick aus dem Fenster ist grandios und ich starre vor mich hin. Trotz des merkwürdigen Jagdthemas im Eingangsbereich, ist das Zimmer absolut modern: Ein Kingsize Bett, ein kleines Badezimmer mit Dusche und Wanne, Kleiderschrank und ein Sideboard mit Fernseher. Alle Möbel sind modern und hell. Es ist absolut paradox.
Immer noch starre ich in den Wald, alles grün, wie ein grünes Mandala. Je länger ich starre, desto mehr Details nehme ich in der Wand aus Grün wahr: Einzelne Blätter, Äste und Zweige. Eine Bewegung reißt mich aus meinen Gedanken und ich glaube, ein Eichhörnchen zu sehen. Süß. Ich höre nichts, außer meinem eigenen Atem, das Wogen des Windes in den Blättern erahne ich lediglich und aus dem Erdgeschoss höre ich nur gedämpfte Geräusche. Es ist still genug, dass ich meine Gedanken deutlich wahrnehme, ohne Ablenkung. Ich weiß noch nicht, ob ich das mag.
Gut gemacht, Cassidy, wirklich gut. Das ist das erste Mal, dass ich gefühlt wirklich große Probleme habe. Nicht, dass mein Leben bis hierhin einfach war, aber ich habe es immer hinbekommen. Ich greife nach einem der Kissen auf dem Bett, halte es vor mein Gesicht und schreie frustriert hinein. Der Knoten in meinem Magen ist dick und fest, Angst kriecht in mir hoch und das ist wirklich neu. Wut kenne ich in solchen Situationen, aber Angst?
Das Kissen landet mit einem gezielten Wurf auf einem der Sessel am Fenster und ich entscheide mich für eine Dusche. Dann nehme ich das Frühstück noch mit und suche mir ordentlichen Empfang. Spätestens dann werden die Lösungen kommen.
Im Moment ärgert mich am meisten, dass ich Jared Zugriff auf mein Konto gegeben habe. Etwas, was ich bisher nie getan habe. Doch Jared hat mich erfolgreich überredet. Es sei praktisch, ein gemeinsames Konto zu haben. Das wollte ich nicht, aber seine Argumente waren zu gut. Von wegen, wenn mir mal was passiert. Jetzt ist mir klar, dass es nur eine weitere Form der Kontrolle ist, die er über mich hat. Und das muss ich schnellstmöglich ändern.
Wie zum Fick konnte ich nur so blöd sein?
*
Die luxuriösen Massagedüsen der Dusche haben meine Lebensgeister in Schwung gebracht. Zumindest versuche ich gerade, mir das einzureden. Eingewickelt in ein Hotel-Handtuch komme ich aus dem Bad zurück und bleibe mitten im Zimmer stehen, bewundere wieder einmal den Ausblick in den Wald.
Eine Bewegung im grünen Blätterdach lässt mich innehalten. Ist das da ein Waschbär? Zumindest erkenne ich Fell und bin mir sicher, dass mich zwei Knopfaugen beobachten. Ich seufze und wende mich ab. Nur zu gerne möchte ich mich einfach hinsetzen und bis in alle Zeit aus dem Fenster starren.
Mit immer noch fettem Knoten im Magen verfluche ich mich, weil ich keine frischen Klamotten aus dem Auto mitgenommen habe. Also ziehe ich einfach die von gestern an. Leggings und das Shirt in Übergröße mit dem Dinoaufdruck. Sehr seriös. Nicht.
Mittlerweile hat sich der Knoten so weit ausgedehnt, dass er auf Herz und Lunge drückt. Ich habe Angst, immer noch. Die erweckten Lebensgeister sind eine Lüge. Bevor ich noch irgendwelche Gedanken zerdenken kann, schnappe ich mir meine Handtasche und lasse das Hotelzimmer hinter mir, schlage den Weg zur Treppe ein und hoffe einfach, dass Kaffee und Frühstück das schon richten werden.
Hinter dem Empfang steht der Mann von gestern und wirkt schwer beschäftigt. In einem weiten Bogen umrunde ich ihn und bleibe in einiger Distanz ruhig stehen, damit ich nicht aufdringlich wirke. Eine Kunst, die ich schon als Kind perfektioniert habe. Oft genug werde ich deswegen übersehen oder übergangen. Klar, ärgert mich das, aber ich lebe damit. Selbstbewusstsein? Habe ich mal von gehört.
Mit dieser Distanz erlaube ich es mir jetzt auch, meinen Gastgeber genauer zu mustern. Hat mein Gehirn mich gestern Abend doch nicht getäuscht. Ich habe jetzt nicht vor, mich von einer verkorksten Beziehung in die nächste zu schmeißen – haha, genau das habe ich in den vergangenen Jahren doch immer wieder getan – aber ansehen ist ja wohl erlaubt.
Das längere, gelockte Haar hängt heute offen an seinem Gesicht entlang, nur ein paar Strähnen hat er zu einem unordentlich Bun am Hinterkopf zusammengefasst und ja, es ist durchzogen von silbernen Strähnen. Wie alt mag er sein? Es ist schwer abzuschätzen, aber bisher habe ich nicht auf ältere Männer gestanden. Doch für den vor mir würde ich eine Ausnahme machen. Konzentriert sieht er auf seinen Laptop – HA! Ein Hinweis darauf, dass es hier Internet geben muss. Und schon wird der Knoten in meinem Magen kleiner.
Mein Blick geht zu seinem Gesicht, einige kleine Fältchen liegen um seine Augen und verraten, dass er älter als ich sein muss. Anfang, Mitte vierzig vielleicht? Also gut zehn Jahre älter als ich. Jetzt, im Licht des Morgens sehe ich auch deutlich, dass nicht nur seine Oberarme durchtrainiert sind.
Als er mich endlich ansieht, trete ich an den Empfang an und versuche mich an einem unverbindlichen Lächeln.
»Ähm …« Noch bevor ich einen ganzen Satz zusammen bekomme, deutet er auf einen kleinen Tisch am Fenster.
»Frühstück steht für Sie bereit, Miss Holloway.«
»Danke, Mister ...«
»Voss.«
»Mister Voss.« Jetzt gelingt mir sogar das Lächeln, wobei mir bei seiner Stimme schon wieder warm wird und ich nur hoffen kann, dass er es meinem Gesicht nicht ansieht. Sie geht mir halt einfach durch, die Stimme, und hinterlässt glühende Spuren in mir. Wenn das so weitergeht, zerfalle ich zu Asche, er muss nur weiterreden. Ich räuspere mich, um meine Contenance wieder zu finden. Dann erst traue ich mich, meine Frage zu stellen.
»Mister Voss, gibt es hier die Möglichkeit, einen WLAN-Zugang zu erhalten?«
Er betrachtet mich einen Moment, bevor er lächelnd eine Schublade aufzieht und mir ein kleines Kärtchen über den Tresen reicht.
»Wir haben ein Gäste-WLAN, der Netzempfang ist … schwierig in dieser Region. Dafür müssten Sie vermutlich auf einen der Berge hier klettern. Wenn der Wind dann günstig steht, könnte es funktionieren.«
Mit offenem Mund starre ich ihn an, verpasse fast das Zwinkern, das er hinterherschiebt und stammele ein »Danke«, während ich die Karte nehme. Dann beobachte ich, wie er sich umdreht und durch eine Tür verschwindet. Ein paar Mal blinzle ich, bevor ich den Kopf über mich selbst schüttle, mich umdrehe und endlich zu dem Tisch gehe, auf dem das Frühstück steht.
›Warum musst du dich immer so peinlich benehmen?‹ Ah, danke, genau der Gedanke, den ich jetzt brauche. In der Stimmlage von Jared. Fick dich Ex!
Ich lasse mich, von den wenigen Minuten des Tages schon erschöpft, auf den Stuhl am Tisch fallen und bewundere die Auswahl. Von Pancakes über Rührei und Speck bis hin zu einer Schale mit Früchten ist wirklich alles da, was ich brauche. Eine ganze Kanne lächelt mich gerade an und während ich mir mit der einen Hand eine Tasse einschenkte, fische ich mit der anderen mein Telefon aus der Handtasche.
Nach dem ersten Schluck Kaffee bin ich mir sicher, ich bin Superwoman und für jedes Problem werde ich jetzt eine Lösung finden. Problem Eins ist meine Karte für mein Konto. Also, Handy anmachen, ins WLAN einloggen und Telefonnummer googlen. Gesagt, getan, doch bevor ich Schritt drei meines Planes in die Tat umsetzen kann, ploppt eine Nachricht nach der nächsten auf. Von Jared und Aileen. Die ersten Nachrichten klingen besorgt. Die letzten von ihm sind drohend, fordernd. Er wird von Nachricht zu Nachricht aggressiver, und ich merke, wie ein Zittern mich durchläuft. Genau diese Art von Nachrichten sind der Grund, warum ich verschwunden bin. Und die Tatsache, dass ich ihn und Aileen gemeinsam im Bett gefunden habe. In der letzten Nachricht von Jared kann ich dann lesen, dass er meine Karte hat sperren lassen.
Es ist mir gerade eine Genugtuung die Nachrichten von den Beiden zu löschen und die Kontakte danach zu blockieren. Auch wenn ich immer noch das Zittern unterdrücken muss. Ich versuche meine Angst in Wut umzuwandeln, denn die kann ich für meinen Anruf bei meiner Bank wesentlich leichter in Aktivismus umsetzen. Arschlöcher, alle Beide. Sollen sie doch miteinander unglücklich werden. Ich kippe den Kaffee in mich rein, die Nummer meiner Bank und klicke mich durch den KI-Client, bis ich endlich die Nachricht höre »Wir verbinden Sie mit dem nächsten freien Mitarbeiter.«
Da ich allein im Raum bin, schalte ich mein Handy auf Lautsprecher und mache mich über das Frühstück her. Die Pancakes sind ein Gedicht.
Knapp dreißig Minuten später habe ich dann tatsächlich einen Kundenbetreuer am Telefon. Vielleicht hat der Tag doch noch die Chance ein Guter zu werden.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Ma’am?« Ich bin kurz davor den Mann am anderen Ende der Leitung zu fragen, ob er so früh am Morgen schon betrunken ist. Während ich die dritte Tasse Kaffee in mich hineinschütte, schildere ich ihm mein Problem. Oder anders ausgedrückt: Ich klage ihm mein Leid. Und ich muss sagen, er hört es sich geduldig an und nach einer Verifikation über Geburtsdatum und Geheimfragen kann ich zumindest das Problem mit dem Zugriff von Jared abhaken. Die gesperrte Karte ist schon schwieriger. Einfach freischalten ist nicht. Also muss eine neue her. Und oldschool wie ich nun mal bin, habe ich nicht mal die mobile Karte auf meinem Telefon eingerichtet. Aber auch dafür brauche ich einen QR-Code, der mir per Post zugeht. Danke vielmals moderne Technik.
Als der nette Berater mich fragt, ob meine Adresse noch aktuell ist, gerate ich ins Stottern.
»Nein, die ist nicht mehr aktuell. Im Moment bin ich, ähm, das ist jetzt etwas schwierig. Ich bin momentan in einem Hotel und …« Mein Blick geht zum Empfang, an dem mittlerweile wieder Mister Voss steht.
»Kein Problem, Ma’am, geben Sie mir einfach die Adresse des Hotels. Die Karte sollte dann in sieben bis zehn Tagen bei ihnen sein. Auch wenn das sicherlich ihren Urlaub nicht angenehmer macht.« Urlaub. Entweder hat der Berater einen merkwürdigen Sinn für Humor oder er versucht die Situation für mich lockerer zu machen.
»Witzig. Ich müsste die Adresse nachfragen. Geben Sie mir bitte einen Moment.«
»Ich kann auch einen Rückruf organisieren. Sagen wir in … zwei Stunden?« Ich seufze erleichtert auf und nehme das Angebot an.
»Das wäre wunderbar, danke.«
Mein Blick gleitet von Mister Voss auf meinen Frühstückstisch und wieder zurück. Zehn Tage. Das macht siebenhundertfünfzig Dollar plus Mittagessen und Abendessen. Einen Tausender wird mich die Aktion von Jared mindestens kosten. Wieder ein Seufzer und der Knoten drückt auch schon wieder. Und es ist ja immer noch die Frage offen, ob es überhaupt möglich ist, in diesem merkwürdigen Hotel mitten im Nirgendwo im Nachgang zu zahlen.
Doch diese Frage muss ich klären. Damit ich dem netten Bankberater eine Adresse geben kann. Damit mein Leben wieder zurück in seine alten Fugen rutscht.
Mit wenigen Schritten stehe ich wieder am Empfang.
»Mister Voss?« Ein wenig entspannter bin ich schon, aber die Angst kriecht wieder meine Eingeweide hoch. Was wenn Mister Voss mich rausschmeißt? Was wenn ich dann in zwei Stunden ohne Adresse dastehe und neu suchen muss? Mein Gehirn malt sich mal wieder alle möglichen Horrorszenarien aus.
»Was kann ich für Sie tun?« Er wirkt so ruhig, dass ein wenig davon auf mich überspringt. Fast so, als könne ihn nichts aus der Fassung bringen. Wie der berühmt berüchtigte Fels in der Brandung. Ich schaue ihn für einen Moment in die Augen und atme dann tief durch.
»Ist es möglich, länger hier zu bleiben und die Rechnung beim Auschecken zu zahlen? Meine Bank muss mir eine neue Karte zuschicken und das dauert ein paar Tage.«
Mit einer gehobenen Augenbraue sieht er mich an und während sein Blick musternd auf meinem Gesicht verweilt, werde ich schon wieder nervös. Heiß und kalt läuft es mir den Rücken hinunter, das Gefühl, dass er tief in meine Seele sehen kann, kommt in mir auf. Verdammt. Das ist heiß. So heiß, dass mein Schoß sich wieder meldet und mir kundtut, wie attraktiv ich den Mann vor mir eigentlich finde. Für einen Moment steht die Luft still zwischen uns.
»Ich kann Ihnen meine Kontoauszüge zeigen oder ich kann Ihnen das Geld auch überweisen«, mit einer Stimme, die sich fast überschlägt, durchbreche ich die Stille zwischen uns. Doch er sagt immer noch keinen Ton. Ich wechsle mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und versuche, den immer weiterwachsenden Knoten in meinem Magen zu ignorieren. Bevor mein Gehirn die nächsten Horrorszenarien hochholen kann, die schon unter der Oberfläche lauern, macht Mister Voss endlich den Mund auf.
»Ich mach Ihnen einen Gegenvorschlag: Mein Onkel braucht Hilfe bei der Inventur in seinem Buchladen. Helfen Sie ihm und ich komme ihnen mit den Kosten für Kost und Logis entgegen.«
Ich blinzle ihn irritiert an. Dieses Angebot ist merkwürdig. Unmoralisch? Vielleicht. Aber es ist eines dieser Angebote, das man nicht ausschlägt.
»Abgemacht«, antworte ich ihm atemlos. Vielleicht kann ich die Zeit nutzen und planen, wie es weitergehen soll. Wohnung und Job suchen, die nächste Etappe meines Lebens in Angriff nehmen. Ich habe ein Dach über dem Kopf, Essen und Getränke und eine Arbeit in Aussicht, die mich zumindest ein paar Tage ablenkt. Genug, um den Kopf freizubekommen.
»Perfekt«, er streckt mir die Hand entgegen und ich ergreife sie.
*
Bis zu dem Anruf meines Bankberaters schaffe ich es die wichtigen Dinge aus meinem Toyota in mein Hotelzimmer zu bringen. Klamotten für die nächsten Tage, eine große Tasche mit Büchern und meinen Laptop. Den werde ich brauchen, um nach einem Ort mit passenden Jobangeboten und Wohnungen zu suchen. Und ich will die alten Erinnerungen in Form von Fotos und Emails an meinen Ex und meine ehemals beste Freundin vernichten. Ich will die vergangenen Jahre einfach auslöschen, sämtliches Beweismaterial, dass es Jared und Aileen gibt entsorgen. Eine leise Stimme in meinem Kopf teilt mir ungefragt mit, dass es doch diesmal gar nicht so schlimm ist und dass es bestimmt eine gute Idee ist, eine Auszeit zu nehmen, zur Ruhe zu kommen und alles geordnet anzugehen. Ich möchte die Stimme gerne verprügeln.
Nach dem zweiten Telefonat mit meinem Bankberater kommt allerdings die Frage wieder auf, worauf ich mich eigentlich eingelassen habe. Ich kenne weder Mister Voss noch seinen Onkel, ich weiß nichts über Briar Hollow und hab einfach blind zugesagt. Aber bisher ist immer noch alles gut gegangen und ich habe alles in meinem Leben irgendwie geschafft. Wird auch diesmal funktionieren. Die Scherben werde ich danach aufsammeln.
In der Vergangenheit habe ich schon schlimmere Situationen gemeistert. Nach Miami beispielsweise. Ich habe sechs Monate in einem abgeranzten Motel gewohnt und der schwarze Schimmel im Bad war noch nicht mal das Unangenehmste gewesen. Die Bar, in der ich gekellnert habe, hätte von Amts wegen geschlossen gehört. Dagegen ist das hier purer Luxus.
Ich nehme mir vor, dem Buchladen einen Besuch abzustatten und verlasse mein Zimmer. Bevor ich das Hotel verlassen kann, fängt Mister Voss mich ab.
»Einfach die Straße runter, gegenüber vom Café ist der Buchladen.« Die Strecke ist auf jeden Fall gut zu Fuß zu gehen, wozu also in den kleinen Toyota steigen.
»Ach, und Miss Holloway«, ich drehe mich bei seinen Worten nochmal um, »da wir ja jetzt für längere Zeit hier zusammenhocken werden … nennen Sie mich ruhig Malcolm.«
Erstarrt schaue ich ihn an und brauche einen Moment, um mich zu fangen.
»Cassidy«, schaffe ich es dann doch zu sagen, bevor ich regelrecht aus dem Hotel flüchte. Mit den Gedanken bei Malcolm spaziere ich also durch die Stadt. Dorf. Was auch immer. Und wie ich gestern schon vermutet habe, hat es nicht viel mehr zu bieten als eine Main Street. Drei weitere Straßen, die mir gestern nicht aufgefallen sind, gehen noch davon ab und alle drei sind Sackgassen. Ich fühle mich wirklich, wie ans Ende der Welt versetzt. Entweder lieben die Menschen, die hier wohnen diese Abgeschiedenheit oder sie sind zu alt, um es zu merken.
Ich lasse mir Zeit und erkunde das Dorf inklusive der Nebenstraßen, doch viel mehr als gestern Abend finde ich nicht. Fazit: Es gibt nicht viel in Briar Hollow. In meinen Großstadtaugen leben die Menschen hier wirklich reduziert. Café, Buchladen, Supermarkt, Drugstore, der Hardware Laden – all das habe ich schon gestern Abend gesehen. Der Supermarkt hat ein großes Sortiment an Jagdwaffen und Zubehör, prominent im Schaufenster ausgestellt. Das erklärt zumindest die Dekoration im Hotel, denn anscheinend ist das hier ein beliebtes Jagdgebiet.
In einer der Sackgasse finde ich eine Arztpraxis, direkt neben einer alten Kirche. Alles andere sind Wohnhäuser, von denen viele leer zustehen scheinen. Wenn es hochkommt, leben hier nicht mehr als dreihundert Menschen.
Wunderbar, ganz wunderbar. Ich habe noch nie das Bedürfnis verspürt, in so einem kleinen Dorf zu leben. Nach dem Chaos der letzten Monate sehne ich mich doch nach Ruhe. Bitte schön, Cassidy, hier ist ganz viel Ruhe. Und da das Leben kein Wunschkonzert ist, präsentiert es mir die Ruhe in seiner höchsten Form. Zu viel? Pech. Keine Beschwerde bitte.
Meine Gedanken gehen immer wieder zu dem Mann, ich muss an seine durchdringenden Augen denken, die mir das Gefühl geben, durchschaut zu werden, die genau zu wissen scheinen, was in mir los ist. Wenn ich Recht habe, werden das heitere Tage. Ein Seufzen verlässt meine Lippen und endlich schlage ich den Weg zu dem Buchladen ein. Es wird Zeit mich Malcolms Onkel vorzustellen.