Klappentext
Acht Monate lang tauchte Tobias Ginsburg inkognito in die Szene der «Reichsbürger» und rechten Verschwörungstheoretiker ein. Er baute sich eine Scheinidentität im Netz auf und bewegte sich unter AfD-Politikern, gewaltbereiten Neonazis und friedensbewegten Esoterikern in Braun, Sektierern und Systemumstürzlern. Sein Buch ist ein ebenso erschütternder wie komischer Streifzug durch eine Welt böser Verführer und verführter Irregeleiteter, das zugleich einen neuen, literarischen Ton in die investigative Reportage einführt. Ein ungewöhnliches Enthüllungsbuch. Es erscheint hier in einer aktualisierten, überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Fassung.
«Ginsburg begegnet – und das ist eine große Leistung – den Menschen auf seiner Reise eher mit Neugier denn mit Abneigung.» Süddeutsche Zeitung
«Ein irrwitzig-wahnsinnig-komisches Buch. Tobias Ginsburg erzählt als Literat und Aufklärer von dieser wahrhaft bedrohlichen Szene.» Günter Wallraff
Eigene Meinung
Mal keine Romance, sondern ein Buch, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste stand – und danach noch einige Monate unbeachtet auf meinem SuB lag. Vielleicht, weil ich wusste, dass es kein leichtes Lesen wird. Vielleicht auch, weil man sich bewusst entscheiden muss, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das unangenehm, beängstigend und erschreckend nah an unserer Realität ist. Irgendwann habe ich es dann doch in die Hand genommen. Und ja – „spannend“ ist ein schwieriges Wort für dieses Buch, aber es trifft es trotzdem.
Denn Tobias Ginsburg hat nicht einfach recherchiert, Akten gewälzt oder Interviews geführt. Er ist abgetaucht. Acht Monate lang. Abgetaucht in eine Welt, die parallel zu unserer existiert – mitten unter uns – und die genau deshalb so verdammt Angst machen kann. Inkognito bewegt er sich unter Reichsbürgern, rechten Verschwörungstheoretikern, AfD-Politikern, Neonazis, Esoterikern und Systemumstürzlern. Er wird Teil ihres Alltags, hört zu, beobachtet, lässt sich ein – immer mit dem Wissen, dass diese Nähe gefährlich ist.
Keine der geschilderten Aussagen oder Überzeugungen hat mich wirklich überrascht. Und genau das ist vielleicht das Erschreckendste an diesem Buch. Die Verschwörungstheorien, das rechtsextreme Gedankengut, der Hass, die Wut – all das wirkt innerhalb dieser Parallelwelt vollkommen normal. Beängstigend normal. Es ist keine Welt aus Karikaturen oder Extremfiguren, sondern eine, in der sich Menschen gegenseitig bestärken, radikalisieren und auffangen. Eine Welt, in der sich Ideologien leise, aber beständig festsetzen.
Das scheint für mich der zentrale Konsens dieses Buches zu sein: wie alltäglich diese Denkweisen dort sind – und wie einfach es ist, hineinzurutschen. Wer sich bisher noch nie intensiver mit dieser Szene beschäftigt hat, findet hier einen sehr eindringlichen Einstieg. Ginsburg zeigt, wie Reichsbürger leben, wie sie denken, was sie glauben und vor allem, wie sie neue Menschen für sich gewinnen. Und das geschieht oft erschreckend subtil, fast beiläufig.
Besonders gelungen ist dabei der Ton, den Tobias Ginsburg anschlägt. Trotz der Schwere des Themas erzählt er mit trockenem, manchmal bitterem Humor. Mehr als einmal musste ich lachen – nicht, weil das Gelesene lustig wäre, sondern weil die Situationen so absurd, so unfassbar sind, dass einem kaum etwas anderes bleibt. Dieser Humor schafft Distanz, ohne zu verharmlosen, und macht den Stoff zugänglicher, ohne ihm seine Bedrohlichkeit zu nehmen.
Man findet schnell einen Zugang zu Ginsburg selbst. Man begleitet ihn, erlebt die Situationen mit ihm, spürt seine Irritation, seine Fassungslosigkeit, aber auch seine Neugier. Genau das macht dieses Buch so wirkungsvoll: Es klärt auf, ohne von oben herab zu sein, und zeigt eine Szene, die man nicht ignorieren sollte – gerade weil sie längst Teil unserer Realität ist.
Fakten
Titel: Die Reise ins Reich: Unter Rechtsextremisten, Reichsbürgern und anderen Verschwörungstheoretikern
Autor: Tobias Ginsburg
Preis: Ebook 9,99 € / Taschenbuch 12,00 €
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