Der Gesang der Flusskrebse
Ich hatte irgendwann vor gehabt, jedes Buch, welches ich lese, auf diesem Blog vorzustellen. Aber ich lese lieber als über Bücher zu schreiben. Dennoch versuche ich es noch einmal. Also gibt…
Ich hatte irgendwann vor gehabt, jedes Buch, welches ich lese, auf diesem Blog vorzustellen. Aber ich lese lieber als über Bücher zu schreiben. Dennoch versuche ich es noch einmal. Also gibt…
Im Moment fresse ich die Bücher wirklich wie so ein kleiner Wolf. Aber das ist schon irgendwie wieder normal geworden, denn wirklich viel anderes kann ich derzeit nicht machen. Zocken,…
Wenn wir bei meiner Schwiegermutter sind, fahren wir gerne zu Emmaus – einem Second-Hand-Laden in der Gegend – und erstehen immer wieder stapelweise Bücher. Beim letzten Mal hat meine Schwiegermutter…
Das Buch ging durch die Presse und irgendetwas an den Rezensionen der Zeitungen und Portale faszinierte mich. Reclam hat dieses Buch nach über 100 Jahren das erste Mal in Deutsch…
Ich bin vor knapp zwei Wochen nach einem Termin noch durch den Kölner Hauptbahnhof gestromert und bin, wie sollte es anders sein, in der Bücherei Ludwig gelandet. Hier fiel mir…
Ich bin auf der Flucht. Mal wieder. Wohin? Das weiß ich noch nicht und es ist mir auch egal, interessiert mich im Moment reichlich wenig. Hauptsache weg. Weg von meinem alten Leben, meinen verdammten Verpflichtungen und all den Aufgaben. Und vor allem weg von ihm. Und über ihn will ich im Moment gar nicht nachdenken. Trotzdem … er schleicht sich in meine Gedanken.
Drei verdammte Jahre hab ich an ihn verschenkt. An das Leben, welches wir uns aufgebaut haben. Und an all seine Lügen, seine Manipulationen.
Ich will das alles hinter mir lassen, irgendwo neu anfangen.
Mal wieder.
Es ist ein altbekanntes Muster bei mir: Ich laufe weg. Immer und immer wieder. Aber ich bin eine Künstlerin im Schönreden: Ich ziehe um, fange neu an, orientiere mich beruflich um. Und damit werde ich alle Sorgen und Probleme, schlechte Menschen und beschissene Jobs los. Ein Neuanfang. Alles auf Reset und Neustart.
Aber die Wahrheit ist: Ich laufe weg. Ich flüchte.
Und das ist die einzig wirkliche Konstante in meinem Leben. Vielleicht wirke ich dadurch kalt und unnahbar, denn menschliche Beziehungen breche ich dann auch einfach gerne ab. Aber so bin ich nun mal. Immer auf dem Sprung.
Es hat allerdings etwas Gutes, immer zu reisen, immer wieder die Sachen zu packen und einen neuen Ort zu suchen: Ich habe schon viel vom Land gesehen. New York, Chicago, Miami, Naples … wo andere Urlaub machen, lebe ich für ein paar Jahre und irgendwann packe ich dann meine Sachen und ziehe weiter.
Mein bisheriger Favorit ist Naples! Eine wunderschöne Stadt in Florida, direkt am Golf von Mexiko. Wenig Tourismus, dafür Meer und Palmen, ein ewig langer Pier, der ins Meer führt. Nur die Hurricane Season ist nicht so prickelnd. Wobei es interessant zu beobachten ist, wie sich die Einheimischen darauf vorbereiten.
Wenn ich so an Naples denke, erinnere ich mich immer noch an ein Erlebnis, als wenn es erst gestern geschehen wäre: Es war mein allererster Tag dort und ich hatte natürlich dem Strand einen Besuch abgestattet, dem berühmten Pier vor allem, und war in die seichten Wellen gewatet. Ich genoss den Ausblick und spürte das warme Wasser um meine Knöchel, bis mich der Schrei eines anderen Menschen aus meiner Ruhe riss. Ich solle mich bloß nicht bewegen. Ich stand in einem riesigen Schwarm Stachelrochen. Sie umflossen mich wie Geister, sanfte Berührungen, fließende Bewegungen, aber extrem gefährlich. Ich hatte stillgehalten, bis sie weg waren.
Naples ist großartig, wirklich, aber dahin zurückfahren, ist keine Alternative. Zuviel verbrannte Erde.
Während des Autofahrens kann man wirklich über so einiges nachdenken, und während ich Meile um Meile auf dem Highway Fünfundneunzig hinter mich bringe, springen meine Gedanken hin und her.
Ist es nicht so, wenn man ständig umzieht, ständig alle Zelte abbricht und irgendwo neu anfängt, dass man dann einen Teil von sich zurücklässt? Zumindest habe ich dieses Gefühl in mir. Das Gefühl, dass ich ständig ein wenig von mir zurücklasse. Irgendwann falle ich auseinander, Stück für Stück, wie eine alte kaputte Statue. Einfach puff und weg. Ein Haufen Staub ist dann das Einzige, was von mir übrigbleibt.
Ich bin Anfang dreißig und ehrlich, ich weiß nicht wirklich, wer ich bin und was ich will.
Das letzte Leben habe ich mir mühsam aufgebaut. Ich habe geglaubt, dass ich Jared liebe. Mein Job war super gewesen. Unsere Wohnung auch. Und dann ist alles den Bach runter gegangen.
Ich sammle anscheinend toxische Beziehungen wie andere Leute Briefmarken. Mein Vater hatte irgendwann mal zu mir gesagt, dass ich meine Männer auf der Müllhalde sammle. Und ich habe das Gefühl, er hatte Recht.
Psychologie ist nicht meine Stärke, aber das hat bestimmt was mit abwesendem Vater oder Missbrauch in der Kindheit zu tun. Alles möglich bei mir. Aber die Erinnerungen an meine Kindheit sind eh bruchstückhaft, eher einzelne Bildaufnahmen, mit Blitzlicht, überbelichtet. Nichts Zusammenhängendes.
Aber Jared? Der hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Ein richtiges Arschloch. Dennoch, es tut weh, so richtig scheiße weh. Vor allem, dass ich wieder einmal auf den gleichen Typ Mann hereingefallen bin. Scheiße tat das weh.
Ich bin belogen, betrogen und verarscht worden – und ich habe mich mal wieder deswegen entwurzelt. Gerade komme ich mir vor wie so ein alter Baum, der unnütz geworden ist. Ich bin nutzlos. Scheiße.
Mit der Hand schlage ich auf das Lenkrad ein und bereue es sofort wieder, weil ein stechender Schmerz mein Handgelenk hochzieht. Ganz super, Cassidy! Du bist nicht nur die Königin der miesen Gedanken, du kannst dich auch super selbst verletzen.
Tränen sammeln sich in meinen Augen – nicht Tränen aus Trauer, sondern die bitteren aus Wut. Wut auf meinen ach so großartigen Ex, auf meine beste Freundin, die es jetzt nicht mehr ist, weil sie eine blöde Schlampe ist.
Und wieder einmal nehme ich mir vor, keinem Menschen zu vertrauen. Klappt auch so gut, denn den Vorsatz werfe ich ziemlich schnell wieder über Bord, weil ich ein naives, kleines Ding bin, dass immer wieder an das Gute glaubt.
Das Gute im Menschen gibt es nicht.
Aber auch das ist ein Muster und wieder meldet sich die Stimme meines Vaters in meinem Kopf zu Wort: »Du kannst nur dir selbst vertrauen.« Jaja, alter Mann, am Arsch. Allein sein fühlt sich falsch an, ich will nicht allein sein, dafür bin ich nicht geschaffen. Aber wenn ich nur mir vertrauen kann, läuft es wohl darauf hinaus.
»Sei nicht so theatralisch Cass, überleg dir lieber, wo du hinwillst und vor allem, wo du die Nacht verbringen willst.«
Ab und an brauche ich eine kompetente Meinung, dann führe ich Selbstgespräche. Ich bin seit sechs Stunden unterwegs und so langsam muss ich mir wirklich überlegen, wo ich die Nacht verbringe. Denn ich will weder durchfahren noch unbedingt im Auto schlafen.
So weit bin ich in meiner Planung allerdings nicht gekommen, denn ich habe heute Morgen nur eines gewollt: Weg aus New York. Für den Rest habe ich keine Kapazitäten in meinem Kopf gehabt. Habe ich jetzt immer noch nicht, aber ich komme um den Gedanken nicht herum.
Also machen wir mal eine Liste, liebe Cass!
Punkt Eins ist also, einen Platz für die Nacht zu finden. Dort kann ich dann auch überlegen, wie es weitergeht. Die USA sind groß und es gibt genug Ecken, in denen ich noch nicht war. Kalifornien soll grandios sein um diese Jahreszeit und die Gefahr, dort jemandem zu begegnen, den ich schon kenne, ist ausgeschlossen. Ich bin noch nie in Kalifornien gewesen.
Ich steure den nächsten Parkplatz für eine Pinkelpause an.
Ein paar Stunden und merkwürdige Gedanken später ist mir klar, ich muss langsam wirklich etwas für die Nacht finden. Ich bin hundemüde, unkonzentriert und habe keine weiteren Essensvorräte mehr im Auto. Lediglich einen muffigen Müsliriegel und kalten Kaffee.
Die nächste Ausfahrt gehört also mir. Neun Stunden von New York entfernt reichen. Ganz bestimmt. Naja, neun Stunden langsames Fahren. Ich bin mir nicht sicher, in welchem Teil der USA ich gelandet bin, aber ich werde jetzt ein Hotel finden. Und morgen, morgen werde ich dann planen, wo es hin geht, wohin mein aktueller Umzug in meinem alten Toyota führt. Umzüge, die einzige Konstante in meinem Leben. Während ich den Blinker setze und die Ausfahrt nehme, denke ich mal wieder darüber nach.
Chicago war einzigartig gewesen. Bis mein Ex der Meinung gewesen ist, mich einmal zu oft zu verprügeln. Owen ist groß und kräftig, allerdings hat er ein Problem mit Aggressionen. Er lässt seine Wut gerne an Frauen, vorzugsweise an seiner Partnerin aus. Ich bin in der Beziehung zweimal im Krankenhaus gelandet. Beim dritten Mal war es meine gebrochene Nase und die Feststellung, dass ich nicht in einer True Crime Doku landen will, die mich zum Gehen motiviert haben.
Danach kam New York. Und Jared.
Das Schild der Ausfahrt verspricht einen Ort namens »Briar Hollow« und ich zucke nur mit den Schultern. Zwischenstation oder Endstation kann ich nicht sagen, aber hoffentlich mit Hotel und einem freien Zimmer.
Das ständige Umziehen hat schon in meiner Kindheit angefangen. Mein Vater war beim Militär und wir sind von Militärbasis zu Militärbasis gewandert. Ich bin schnell das merkwürdige Kind geworden, weil ich Freundschaften gar nicht erst aufbaute. Bringt nichts, wenn man nach kurzer Zeit wieder umzieht. Ich habe mich lieber hinter Büchern verkrochen. Unnahbar und still, hatte mir nichts ausgemacht. Das rede ich mir auch heute noch ein, dass mir das nichts ausmacht.
Am Ende der Ausfahrt gibt es zwei Möglichkeiten: Rechts nach Briar Hollow und links … nichts. Ich biege also nach rechts ab und folge dem Straßenverlauf, der den Konturen der Berge und der Landschaft folgt. Überall um mich herum sind plötzlich Bäume, alles grün und eine seltsame Entspannung erreicht mich. Cool, meine überreizten Nerven sind dankbar dafür. Auch wenn es langsam dunkel wird, kann ich dank Fernlicht alles gut erkennen und vor mir liegt ein langer grüner Tunnel. Der Stress der vergangenen Wochen, ausgelöst durch meinen Ex, fällt langsam von mir ab und ich bekomme das Gefühl, wieder atmen zu können. Ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen, dass es anders war. Vielleicht ist das hier genau das, was ich gerade brauche.
»Hm, fehlt nur noch ein Zwerg oder ein Drache hinter einem der Bäume.« Mein Zynismus macht sich trotzdem bemerkbar. Und ich merke, dass ich mal wieder mit mir selbst rede.
»Hallo, ich bin Cassidy, aber du darfst auch gerne Cass sagen. Irgendwo zwischen New York und dem Nirgendwo hier hat sich mein Gehirn verabschiedet. Aber das brauch ich eh nicht, macht doch nur Murks. Arrgs!« Selbst in meinen Ohren klingt der beißende Spott mir selbst gegenüber sauer. Danke vielmals.
Erneut landet meine Hand schmerzhaft auf dem Lenkrad. Meine Gedanken laufen im Kreis und ich hasse mich dafür, denn selten führt das zu etwas Gutem. Meist führt das dazu, dass ich mich selbst schlecht finde, mir die Top Ten meiner peinlichsten Momente einfallen und ich irgendwann zu dem Schluss komme, dass die Welt ohne mich besser wäre. Auch wenn ich nicht selbstmordgefährdet bin, dieser Gedanke und ich sind schon lange ein Paar.
Er schaut regelmäßig vorbei. Zu regelmäßig. Ich versuche ihn meist mit Musik zu unterbrechen und so drücke ich den Knopf des Autoradios und hoffe auf ein zwei gute Stücke. Metal wäre jetzt nicht schlecht.
»Echt jetzt?« Meine Stimme überschlägt sich fast, als aus dem Radio Dolly Parton mit Jolene kommt. Ich mag keine Countrymusik, schlechte Erinnerungen, aber dieses Lied setzt in meiner aktuellen Verfassung dem Ganzen die Krone auf. Ich mache das Radio wieder aus und gebe mich dann doch lieber wieder meinen Gedanken hin. Oder ich schaue mir die Bäume an. Grün in Grün. Lediglich von Straßenbegrenzungspfeilern unterbrochen. Oder haben die Dinger auch einen Namen? Leitpfosten? Eine Leitplanke gibt es zumindest nicht.
Aber so langsam frage ich mich, ob ich das Schild mit dem Ortsnamen nur geträumt habe. Oder halluziniert, wie Jared mir in den letzten Monaten immer wieder an den Kopf geworfen hat. Ich würde halluzinieren, ich bilde mir das alles nur ein. Ja klar.
Irgendwann habe ich es im geglaubt. Also, gibt es das Schild mit dem Ortsnamen oder nicht? Ich bin gerade
ziemlich unsicher.
»Briar Hollow 2 Meilen« erscheint dann ein neues Schild am Straßenrand. Ha! Der Ort, der so viel Ähnlichkeit mit meinem Nachnamen hat, existiert wirklich. Wahrscheinlich haben die das Schild extra für Menschen wie mich
aufgestellt, denn die gesamte Strecke vom Highway bis hierher hat es keine Anzeichen von Zivilisation gegeben.
»Dann wollen wir mal sehen was Briar Hollow zu bieten hat.« Während ich vor mich hinmurmel passiere ich das
Ortseingangsschild und alle meine Hoffnungen und Erwartungen verpuffen in der untergehenden Sonne. Mit offenem Mund fahre ich die Straße entlang und frage mich, ob ich jetzt am Arsch der Welt gelandet bin.
Die Gebäude, die mich begrüßen stammen definitiv aus einer anderen Zeit. Blockhaus an Blockhaus, allesamt gefühlt aus der Zeit der Boston Tea Party. Oder früher.
Dennoch fahre ich weiter und habe die geringe Hoffnung, ein Hotel zu finden. Sonst heißt es Notfallplan und ich suche mir einen beleuchteten Parkplatz oder eine Polizeistation und schlafe im Auto. Dafür bin ich zwar zu alt, aber wenn es gar nicht anders geht, zieh ich das durch. Oft genug erprobt habe ich es schon.
Mit jedem Meter mehr, den ich zurücklege, bekomme ich das Gefühl, dass das Dorf – Kuhkaff trifft es besser – nur aus dieser einen Straße besteht, die auch noch völlig treffend Main Street heißt. Ein Dorf, mitten in den Bergen, Häuser älter als die Unabhängigkeitserklärung – ich habe mal wieder im Lotto gewonnen. Vermutlich treffe ich eher auf einen Serienmörder, denn auf ein Hotel. Wobei, meine Stimmung passt dazu. Freudig begrüße ich den Serienmörder und laufe grinsend in sein Messer, oder so. Meine Laune ist während des Tages immer mehr in den Keller gesunken und nähert sich dem Erdmittelpunkt an.
Auf meiner Fahrt entdecke ich die Sehenswürdigkeiten dieses Kuhkaffs: ein Buchladen, ein Hardware Shop, ein Supermarkt und ein kleines Café. Kein Hotel. Ich fahre an einem modernen Gebäude vorbei, zumindest modern im Gegensatz zu den anderen. Immerhin ist es aus Stein gebaut, hat einen kleinen hübschen Platz davor und ein Schild, das darauf hinweist, dass es sich um das Rathaus handelt. Inklusive Polizeistation.
Alles in diesem Dorf ist still, nur vereinzelt brennen Lichter hinter Fenstern. Zumindest gibt mir das die Sicherheit, dass dieses Dorf nicht gänzlich ausgestorben ist. Danach wird die Anzahl der Häuser weniger und ich befürchte, dass ich bald das Ende der Straße erreicht habe und damit auch das Ende des Dorfes. Ich ärgere mich mittlerweile darüber, dass ich mein Telefon ausgeschaltet habe. Eigentlich nur, damit Jared mich nicht erreichen und ich meine Ruhe haben kann. Das verhindert aber auch, dass ich im Internet nach einem Hotel recherchieren kann. Und dass ich ein Navi benutzen kann.
Die letzten Häuser habe ich schon hinter mit gelassen und ich befürchte, dass es hier kein Hotel gibt. Die Straße beschreibt eine lange Kurve und mit den Gedanken immer noch bei den Pestbeulen meiner Vergangenheit entdecke ich ein mehrstöckiges Holzhaus mit der Aufschrift »Hotel«. Die Farbe von dem Schild blättert deutlich ab, nur hinter den Fenstern im Erdgeschoss brennt Licht, aber dieses kleine Wort gibt mir Hoffnung. Ich muss doch nicht vor dem Rathaus und der Polizeistation im Auto schlafen. Juchu.
Meine Hoffnung wächst wie ein kleines Feuer in mir und ich parke neben einem alten Dodge RAM ein. Rot. Der Dodge RAM ist rot. Und verbeult.
Es sind diese Dinge, die mir immer als erstes auffallen. Ebenso alt wie der Dodge wirkt das Hotel. Ein Eimer Farbe würde ihm guttun. Oder abfackeln und neu bauen.
Ich frage mich, ob die Verandastufen mich überhaupt tragen, denn sie sehen morsch aus. Eindeutig renovierungsbedürftig. Aber was weiß ich schon, so als verwöhntes Großstadtkind.
Allerdings habe ich schon wesentlich schlechter geschlafen. Das steht außer Frage und dennoch, in meinem Kopf spukt immer noch der Serienmörder herum. Falls mein Leben beschließt zu einem Thriller zu werden, ist dieser Abend vermutlich ein guter Anfang. Für einen Moment bleibe ich im Auto sitzen und hänge meinen Gedanken nach. Die Frage ist ja, wie soll es weiter gehen? Doch meine Gedanken spielen Schmetterlinge, keiner bleibt lange genug, dass ich ihn verfolgen könnte und ich gebe auf. Ich schnappe mir meine Handtasche, fische im Aussteigen nach meinem Telefon und drücke auf den kleinen Knopf am Gehäuse, um es zum Leben zu erwecken. Ich will wissen, was mein Abgang aus New York angerichtet hat. Während es hochfährt, steige ich endgültig aus und schlage die Autotür hinter mir zu.
Das Erste, was mir auffällt: Die Luft ist unglaublich sauber. Keine Autoabgase. Das zweite ist, dass es hier unglaublich ruhig ist. Ich höre nichts, außer das leichte Rauschen der Blätter und einige Tiere der Nacht. Ich atme tief durch und bemerke, dass sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen legt.
Für einen Moment schließe ich meine Augen, spüre den Düften, die meine Nase aufschnappt in meinem Kopf nach und stelle fest, Kleinstadt wäre vielleicht doch was für mich. Jetzt nicht Briar Hollow, das ist ein Kuhkaff, aber vielleicht sollte ich mal nicht in eine Metropole ziehen. Ich kann plötzlich frei atmen, etwas, was ich in New York nicht konnte.
Dann schaue ich auf mein Handy und sehe … Nichts! Kein Empfang. Ich hatte auf Nachrichten von Jared gehofft, der mich anfleht, zu ihm zurückzukommen, der beteuert, wie leid ihm alles täte und dass er sich ändert. Spoiler: Das tun sie nie!
Stattdessen: Kein Empfang. Ist das noch erlaubt? Ich muss kurz hysterisch lachen. Damit war ich sowas von am Arsch. Das hindert mich nämlich tatsächlich daran, zu planen wo es hingehen soll.
Argwöhnisch sehe ich zum Hotel. Die Ruhe von vor wenigen Momenten ist weg und trotz der Schönheit des Waldes, warte ich nur darauf, dass Daniel Lee Corwin um die Ecke kommt. Eine Gänsehaut läuft meinen Rücken hinunter. Himmlisch.
Kurz schüttle ich meinen gesamten Körper, damit diese merkwürdigen Gedanken auch wirklich verschwinden, dann wende ich mich endgültig dem Hotel zu. Ich brauche ein Bett für die Nacht. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Also schalte ich mein Telefon wieder aus, stopfe es in meine überfüllte Handtasche und laufe die wenigen Schritte zur Veranda und dort dann hoch zum Eingang.
Auch wenn eine Stimme in meinem Kopf mir erzählt, dass das Hotel bestimmt geschlossen ist, drücke ich die Tür problemlos auf und warmes, einladendes Licht erwartet mich dahinter. Nimm das, innere Stimme. Mal am Rande, meine inneren Stimmen und ich stehen sowieso im ständigen Zwiespalt, oder wir streiten uns.
Egal, die meiste Zeit mögen wir uns einfach nicht, was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich mich nicht mag. Das habe ich schon vor Jahren gemerkt, doch hat diese Erkenntnis etwas in meinem Leben geändert? Nein, leider nicht. Manchmal bin ich es einfach satt.
Ich bin es satt, dass ich nicht in den Spiegel blicken kann, ohne dass mir was auffällt, was ich scheiße finde, ich bin es so satt, dass ich mich entschuldige, wenn mir jemand auf den Fuß tritt. Ende vom Lied ist, ich verstecke mich in übergroßen Shirts und weiten Hosen. Hauptsache niemand nimmt mich war.
Zurück zum Hotel: Trotz meiner Zweifel stehe ich jetzt in einer Lobby und bin von Jägerkitsch umgeben. Bilder, die Jagdmotive zeigen, ausgestopfte Tierköpfe an den Wänden. Die Möbel, die auf den zweiten Blick absolut gemütlich wirken, gehen fast unter. Es ist eigentlich ein großer Raum, mit offenem Kamin, mehren Sofas und Sesseln, Esstischen an den Wänden und einem kleinen Empfangstresen. Die Platznutzung ist grandios, aber die Ausstattung – gruselig. Zentrum des Raumes ist der große, aus Natursteinen gebaute Kamin und genau darüber hängt ein Hirschkopf mit riesigem Geweih.
Ich starre immer noch den Hirsch an, als hinter mir ein Räuspern meine Gedanken durchbricht. Als ich mich umdrehe, steht vor mir ein Mann Maße Schrank, zumindest aus meiner Perspektive mit knapp ein Meter sechzig. Mein Blick geht nach oben und ich schaue in ein Paar graugrüner Augen, die mich mustern, als wäre ich der größte Störfaktor im Leben dieses Mannes. Verschränkte Arme stecken in einem grauen Shirt, auf dem linken Arm sieht man die Ausläufer eines Tattoos. Und Muskeln. Keine Bodybuilder Muskeln, sondern jene Muskeln, die durch harte, körperliche Arbeit entstehen. Meine Augen kehren zu den seinen zurück und sie sind immer noch kalt. Das Gesicht ist markant, ein leichter Schatten liegt auf den Wangen, als hätte er sich heute nicht rasiert, die Haare sind zu einem unordentlichen Man Bun gebunden. Ich muss vor mir selbst zugeben, er sieht verdammt gut aus und automatisch weiche ich ein paar Schritte zurück.
»Ja, ähm, hallo,« Ich fummle nervös an meiner Handtasche herum, eingeschüchtert von seiner Gestalt und seinem Blick, doch dann straffe ich meine Schultern.
»Sind Sie vom Hotel? Ich suche nämlich ein Zimmer für die Nacht.«
»Alle belegt.« Die Stimme ist tief, viel zu tief, um nicht irgendetwas in mir zum Beben zu bringen. Sie klingt dunkel, gefährlich und lässt Emotionen vermissen. Na super, ganz super. Ich werde hier in Grund und Boden gestarrt und die Stimme des Mannes vor mir verursacht mir eine Gänsehaut. Vielleicht doch Daniel Lee Corvin.
»Echt jetzt?« Meine eigene Stimme mutiert zu einem Krächzen. Verdammt, irgendetwas berührt der Mann in mir, von dem ich nicht will, dass es berührt wird. Verdammt.
»Ja, echt jetzt.« Er äfft mich nach, noch besser. Das kann ich so gut gebrauchen, wie ein Furunkel am Arsch. Ich stoße die Luft aus, die ich unmerklich angehalten habe und gehe gedanklich meine Optionen durch. Und jetzt? Die Frage des Abends. Für einen Moment gebe ich mich der Möglichkeit hin, dass ich zum Weiterfahren verdonnert bin und beinahe mache ich auf dem Absatz kehrt. Doch der kleine Funke Kampfgeist, den ich noch habe, wird von meiner Müdigkeit angefeuert und ich bleibe. Willenskraft ist bei mir so selten wie ein Einhorn in einer Wüste.
Also straffe ich meine Schultern und schaue dem Mann vor mir so fest wie ich kann ich die Augen, suche den letzten Rest meines Mutes zusammen und öffne meinen Mund.
»Hören Sie Mister, ich bin seit fast neun Stunden mit dem Auto unterwegs, ich brauche einen Schlafplatz. Und dabei ist es mir mittlerweile scheißegal, ob Bett, Scheune, Abstellkammer oder Schlafsack auf dem Fußboden.« Sein Blick bleibt weiter kalt und ich versuche ihn mit meinen müden Augen anzufunkeln. Keine Antwort. In meinem Kopf fängt eine meiner inneren Stimmen an zu singen: Serienmörder. Ist mir sowas von egal.
Minuten vergehen, in denen wir uns einfach nur anstarren und irgendwann durchbreche ich das Blickduell wieder mit Worten.
»Ich habe ein paar echt beschissene Wochen hinter mir«, meine Stimme klingt auf einmal unglaublich müde, genauso müde wie ich mich fühle, alle aufgesetzte Lässigkeit, alle Kampfkraft ist verpufft. Verpufft durch seinen Blick und sein Schweigen. Und durch die Müdigkeit, die nicht nur in meinen Knochen zu finden ist. Alles in mir ist müde.
»Ich möchte einfach nur ein Bett, lässt sich da nicht irgendwas machen?« Wow, ich klang wirklich erbärmlich. Glückwunsch Cassidy, ein neuer Tiefpunkt in deinem Leben. Ich komme mir vor wie so ein ekliger Wurm. Ein Wurm an einem Angelhaken vielleicht. Der Mann vor mir hebt eine Augenbraue und dreht sich um. Wider Erwarten winkt er mir zu, ihm zu folgen. Und das mache ich, mit hängendem Kopf und hängenden Schultern. An dem kleinen Empfangstresen schiebt er mir ein dickes Buch rüber.
»Tragen Sie ihren Namen ein und unterschreiben Sie. Bar oder Karte?«
Ganz ehrlich? Diese Stimme gehört verboten, wieder hinterlässt sie eine Gänsehaut auf meinem Körper und ich weigere mich, aufzublicken. Aus Angst, dass ich dann noch etwas Dummes sage. Stattdessen bemerke ich, dass meine südlichsten Regionen ebenfalls auf die Stimme reagieren. Ganz großes Kino, Cassidy. Ich will ihn nicht attraktiv finden, weder seine Stimme noch sonst irgendwas an ihm. Ich greife nach dem Stift und trage meinen Namen ein.
»Mit Karte.« Und dann begehe ich den Fehler und sehe hoch, in sein Gesicht. Seine Augen sind plötzlich voller Wärme, das Licht zeigt die ersten grauen Strähnen in seinen dunklen Haaren und mit einem Mal liegt auch ein kleines Lächeln um seine Lippen. Und der verräterische Bereich zwischen meinen Beinen teilt mir eindrucksvoll mit, wie attraktiv ich ihn finde. Der will ihn nämlich am liebsten ins Bett zerren. Ich bin so kaputt.
Bevor ich noch weiter über meine bescheuerten Empfindungen nachdenken kann, wühle ich lieber mein Portemonnaie aus meiner Handtasche.
»Fünfundsiebzig Dollar pro Nacht, Einzelzimmer inklusive Frühstück.« Er hält mir das Gerät vor die Nase und ich halte meine Karte dran. Das Gerät piept und vermeldet ›Karte gesperrt‹. Nein, es vermeldet nicht, es verhöhnt mich regelrecht. Und ich starre es mit offenem Mund an.
»Ich habe über fünftausend Dollar auf meinem ...« Und dann starre ich den Mann vor mir an. »Dieser Mistkerl!«, fluche ich laut los. Mein Ex hat entweder mein Konto leergeräumt oder meine Karte gesperrt, denn er ist der Einzige, der noch Zugriff auf mein Konto hat. Das ist mir in der Planung in den vergangenen Tagen anscheinend durchgegangen. Anscheinend hat mein Ex gemerkt, dass er mein Ex ist. Die Wut auf ihn überspült mich, gepaart mit der Wut auf mich und ich spanne meinen Kiefer an, balle meine Hände zu Fäusten und könnten meine Augen Blitze abfeuern, sie hätten es in diesem Moment getan. Da ist er wieder, Jareds Kontrollwahn, der einer der Gründe ist, warum ich New York ohne ein Wort verlassen habe.
»Dann bar«, sage ich mit gepresster Stimme, um nicht zu schreien und lege einen hundert Dollar Schein auf den Tresen. Sämtlicher Hunger, der sich in den vergangenen Stunden gemeldet hat, ist wie weggeblasen.
Ich stecke gerade richtig in der Scheiße: ich habe noch knapp zweihundert Dollar in der Tasche, kein Netz, ergo auch keine Chance, das Problem mit meiner Bank zu klären und in mir brodelt eine Wut, die gefährlich nahe an der Explosion entlangschrammt.
Korrektur: Ich bin kaputt und so richtig am Arsch. Die Scheiße schlägt gerade Wellen über meinem Kopf.
Die ersten Tränen brennen hinter meinen Lidern und ich bekomme nur am Rande mit, wie der Mann mir einen Schlüssel reicht.
»Zimmer fünf, Treppe hoch und dann rechts.«
Ohne ein weiteres Wort schnappe ich mir den Schlüssel und nehme die Treppe in Angriff. Nachdem ich die ersten Stufen hinter mir habe, höre ich den Mann noch etwas sagen.
»Nach einer Nacht voller Schlaf sieht die Welt meist ganz anders aus.«